Über Bedürfnisse und Vorurteile

Es geschah in den Weihnachtsferien Mitte der 80er Jahre. Wir besuchten Freunde im verschneiten Mühlviertel. Dort trudelte kurze Zeit später auch deren Nachbarsfamilie ein. Der bärtige Mann war Psychiater, die dazugehörige Frau hielt die Stellung im gemeinsamen Haus.

 

Eines ihrer 6 Kinder hatte an jenem Tag offensichtlich das Bedürfnis, im 3/4 Takt mit seinem kleinen Fuß gegen das Nachbars-Schienbein zu treten, während es ihm gleichzeitig den Staubzucker der Weihnachtsbäckerei spaßeshalber ins Gesicht blies. Die Bitte unseres Freundes, er möge damit aufhören, ignorierte der Zuckerzwerg gekonnt. 

 

Diese Geschichte fiel mir wieder ein, als ich im Spätherbst vor dem Coronawahnsinn mit meiner Familie im Tierpark in Schönbrunn war. Dort fand es ein ungefähr 2jähriger Junge sehr lustig, kleine, süße Affen mit kleinen, spitzen Steinen abzuschießen. Wir kamen gerade in jenem Moment vorbei, als ein junger Mann dieses Spektakel nicht mehr weiter mit ansehen konnte und die Mutter bat, das doch ihrem Kind nicht zu erlauben. „Aber er ist ja noch so klein….“, war die Reaktion. 

 

Ja, da hatte sie natürlich recht.

Manche kleinen Kinder haben zum Beispiel auch das Bedürfnis, mit nassen Straßenschuhen auf der Couch rumzuspringen und etwas größere möchten eventuell um Mitternacht im Mehrparteienhaus Schlagzeug spielen. Ich bin sicher, manche Erwachse auch. Aber darum geht’s ja eigentlich gar nicht.

 

Was diese Geschichten zeigen, ist, dass  WIR ALLE unsere Bedürfnisse haben. Nach Unterschenkelbewegung, nach Pustespaß, nach Steinschießübungen, Ringo Starr zu sein,… Aber eben auch nach schmerzfreien Schienbeinen, einem zuckerfreien Gesicht, einer sauberen Couch oder einer geruhsamen Nacht. Auch Affen haben Bedürfnisse. 

 

 

Mir scheint, als sei es die herausforderndste Sache der Welt, sich seiner eigenen Bedürfnisse bewusst zu sein, gleichzeitig die Bedürfnisse der anderen anzuerkennen und dann beide miteinander zu verknüpfen.

Ich bin ein voller Fan davon, seine eigenen Bedürfnisse genau wahrzunehmen. Aber es geht doch auch um das Erkennen der Bedürfnisse und Befindlichkeiten unserer Mitmenschen und Mittiere, wenn wir ein förderliches, angenehmes Miteinander haben wollen. Sich auf das Gegenüber einzulassen, ohne sich dabei selbst zu verlieren,  das erfordert schon viel. Vor allem braucht es die Bereitschaft zur Empathie und  zur Unvoreingenommenheit.

 

Unvoreingenommenheit ist das Gleitmittel eines guten Miteinanders

Schauen wir uns das mal genauer an: 

Wenn du bereit für einen aufrichtigen, ehrlichen Kontakt zu deinen Mitmenschen bist, kannst du Folgendes machen: 

  • Ganz einfach zuhören und hinschauen. Das ist oft schon die halbe Miete.
  • Gehe davon aus, dass du NICHTS über das Innenleben deines Gegenübers weißt. Das bewahrt dich vor so manch voreiligem Urteil. 
  • Gesunde Empathiebereitschaft: das bedeutet, dass du dich durchaus, mit deiner Vorstellungskraft, in den Körper deines Gegenübers beamen kannst. Probiere das spielerisch aus und beschreibe, wie es sich für dich anfühlen würde, in diesem Körper zu stecken.
  • Hättest du vielleicht Schmerzen? Was glaubst du, dass dieser Mensch erlebt haben könnte, dass sein Gesicht auf diese Weise gezeichnet hat? Welche Gedanken kreisen wohl in seinem Kopf? Sieht er sorgenfrei aus? 
  • Aber Achtung! Was tatsächlich passiert ist, wirst du nach wie vor nicht wissen. Dieses Hineinschlüpfen in andere Personen schafft vielleicht ein Fünkchen Verständnis für deren Verhalten und läßt uns milder im Umgang miteinander sein. Wir tun uns jedoch selber Gutes, uns davor zu hüten, mit Interpretationen eine Wahrheit zu konstruieren, die den Blick auf das Tatsächliche verschleiert.

 

Folgende Geschichte, deren Herkunft ich leider nicht kenne,  finde ich dazu sehr aussagekräftig: 

 

Ein Vater fährt mit seinem 25-jährigen Sohn im Zug. Der junge Mann sieht wie gebannt aus dem Fenster und ruft voller Begeisterung: "Papa, sieh doch mal, es sieht ja fast so aus, als würden die Bäume nach hinten weg fliegen." Der Vater lächelt in sich hinein. Ein daneben sitzendes Paar wechselt mitleidige Blicke, wegen des kindischen Verhaltens des 25-Jährigen. Kurz darauf ruft dieser wieder mit einem Lachen im Gesicht: "Papa, sieh doch mal genau hin, die Wolken verfolgen uns!" Wieder lächelt der Vater. "Sagen Sie mal, sollten Sie mit Ihrem Sohn nicht vielleicht einen Arzt aufsuchen?", kommt es aus der Richtung des Paares. Daraufhin lächelt der Vater nur und antwortet: "Das haben wir bereits. Wir kommen gerade aus der Klinik. Mein Sohn war von Geburt an blind, heute hat er sein Augenlicht wieder geschenkt bekommen." 

„Urteile niemals über einen Menschen, solange du nicht einen Mond lang in seinen Mokkasins gegangen bist.“

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